Ist Speedrunning ein E-Sport? Der Versuch, eines analytischen Vergleiches

Wenn man in der Speedrun Community jemanden fragt, ob er sein Hobby als E-Sport bezeichnen würde, erntet man entweder Hohn und Abneigung oder eine interessante Diskussion über dieses Thema. Man sieht also, die Community ist, was dieses Thema angeht, zwiegespalten.

Doch warum ist die Speedrun Gemeinde so zwei geteilt, was das Thema E-Sport angeht? Wie die meisten wissen, sind ein Großteil aller Speedrunner eher Charity orientiert und bei den meisten größeren Marathons werden Spenden für wohltätige Zwecke gesammelt, beim E-Sport wird dagegen meist um Geldgewinne gespielt und genau hiervon möchten sich die meisten „Runner“ eher distanzieren.

In folgendem Artikel werde ich versuchen, das Thema objektiv zu beleuchten. Dazu sollte man wissen, dass ich zwar erst seit kurzer Zeit Teil der Speedrunning Community bin, aber die E-Sport Szene bereits seit gut 15 Jahren verfolge. Somit habe ich wenigstens rudimentäre Kenntnisse beider Seiten und weiß, worum es jeweils geht.

Fangen wir mit der Definition von E-Sport an:

Der Begriff E-Sport (elektronischer Sport), bezeichnet den sportlichen Wettkampf zwischen Menschen mit Hilfe von Computerspielen.
(Auszug Definition E-Sport auf Wikipedia)

Wenn man nun von einem sportlichen Wettkampf ausgeht, könnte man Speedrunning definitiv als E-Sport ansehen, allerdings auf einer gänzlich anderen Ebene. Rein objektiv betrachtet, ist Speedrunning ein freundschaftlicher Wettkampf um die besten Zeiten, während im E-Sport eher der reine Wettkampf gelebt wird, bei dem es um die beste Platzierung geht – Preisgelder ganz außen vor gelassen.

Gerade die großen und bekannten E-Sport Teams trainieren meist um die 10-12 Stunden pro Tag um besser zu werden. Hierbei werden neue Taktiken entwickelt und in Testspielen getestet. Hiervon bekommt man als „Otto-Normal-Spieler“ im Normalfall allerdings nichts mit, da die Teams unter sich trainieren.

Doch auch Speedrunner trainieren, oft auch mehrere Stunden am Tag. Besonders im Hinblick auf größere Marathons, wie dem demnächst anstehenden AGDQ-Marathon, kann man den eingeladenen Spielern oft mehrere Stunden am Stück auf Twitch Live zu schauen.

Der große Unterschied liegt hier an der Tatsache, dass E-Sport Teams im geheimen und für sich Trainieren, Taktiken und Spielweisen werden ungern weitergegeben oder der breiten Masse zur Verfügung gestellt. Während die Speedrunner gerne ihr Wissen mit anderen teilen um zu sehen, ob es jemanden gibt, der aus einem Trick vielleicht noch etwas mehr herauskitzeln kann – denn immerhin zählt hier jede Sekunde. Natürlich gibt es in beiden Szenen auch Ausnahmen und man hat auch im E-Sport Teams, die gerne und bereitwillig über Taktiken und Strategien reden, während man auch hier und da Speedrunner findet, die einem nicht jeden Trick verraten wollen um ihren Rekord nicht zu verlieren oder aus sonstigen Prestige trächtigen Gründen.

Dennoch wehrt sich ein Großteil der Speedrun Community gegen die Aussage, Speedrun als E-Sport einzustufen. Viele halten die Tatsache, dass im E-Sport um Geld gespielt wird, als einen der Wichtigsten Gründe. Während E-Sport Teams also um große Preispools von mehreren Millionen Dollar oder Euro spielen, wird bei den meisten, größeren Speedrun-Marathons Geld für gute Zwecke gesammelt. Doch auch dies kann man als einen Teil eines Freundschaftlichen Wettbewerbs ansehen.

Einen guten Vergleich kann man hier in der Leichtathletik finden. Wer jetzt nicht weiß was das ist: hier versuchen verrückte Menschen an der frischen Luft schwere Sachen durch die Gegend zu werfen oder schneller laufen zu können als ein Gepard. Spaß beiseite, natürlich sollte jedem klar sein, worum es auch bei der Leichtathletik geht: Schneller zu sein, weiter zu schleudern oder höher zu springen als seine Kontrahenten.

Den besten Vergleich innerhalb der Leichtathletik findet man im Ausdauersport, explizit im Marathon oder auch bei Triathlons. Auch hier gibt es Freundschaftliche Wettkämpfe oder auch einfach Spendenläufe, bei denen für einen guten Zweck gesammelt wird. Dennoch wird man auch bei solchen Läufen in den vorderen Reihen Profisportler finden, die diesen Lauf als Training, aber auch als Freundschaftlichen Wettkampf ansehen. Sobald es für diese Profisportler aber wieder an einen normalen Wettkampf geht, wird auch wie im E-Sport, der reine Wettkampf gelebt, bei dem es um Preisgelder, Prestige und Ranglistenpunkte geht.

Wie meine Meinung zu dem Thema ist? Es ist, ehrlich gesagt, recht schwer hier einen Standpunkt zu finden. Hierfür müsste man die Speedrun Szene als eine einzige große Szene sehen, was viele jedoch nur bedingt tun. So haben größere Spiele wie Zelda, Mario und Metroid ihre eigene, kleine Community, weshalb ich persönlich nur folgendes auf die Frage „Ist Speedrun ein E-Sport“ antworten kann: Jein!

 

Stimmen von Speedrunnern:

tocaloni1 (Prince of Persia-Runner)

Speedruns sind ja quasi ein sportlicher Wettkampf zwischen Menschen mit Hilfe von Computerspielen und gewissen Regeln, in diesem Sinne und für meine Begriffe also „E-Sports“ – nur eben nicht in einem klassischen Multiplayer-Sinne wie man das sonst kennt.

RyuTech (Leiter des deutschen GDQ Restreams)

Meiner Meinung nach ist die Frage recht leich mit einem „Ja“ zu beantworten. Laut Definition ist Speedrunning ganz klar ein sportlicher Wettkampf mit Computerspielen. Allerdings sprengt die Vielfalt an Disziplinen im Speedrunning jeden bekannten Rahmen und als Betrachter von Außen fehlt der Szene, im Vergleich zu den großen eSports wie League of Legends, Starcraft und CS-GO, einfach dieses eine Spiel um das es geht, bei dem eine große Zahl an Runnern teilnehmen. Demnach ist es schwer Speedrunning im allgemeinen für die Öffentlichkeit als umkämpftes Sportevent zugänglich zu machen. Eine kleinere Auswahl an Games in Form einer Speedrun-Olympiade könnte das jedoch ändern.

Sakurion (Risk of Rain-Runner)

Aufgrund von Skill und Wissen, welches man benötigt, würde ich Speedrunning als E-Sport bezeichnen. Beides benötigt man auch bei den üblichen E-Sport Titeln wie League of Legends oder Counter-Strike. Man muss verschiedene Champions, Item Builds und Aiming üben, wie man bei Speedruns die Glitches und das Routing übt.
Wissen über das Spiel selber ist auch wichtig, man muss wissen, welches Item gut für welche Situation ist und wie viel es kostet, ebenso wie man beim Speedrunning wissen sollte, wie man in verschiedenen Situationen, die einem vom Spiel vorgegeben werden, agieren muss.

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